Januar 2023 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Interview mit Prof. Dr. Rainhild Schäfers
Januar 2023 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Interview mit Prof. Dr. Rainhild Schäfers

"Die Belastung habe ich erst im Nachhinein gespürt"

Als junge Frau erlernte Prof. Dr. Rainhild Schäfers den Beruf der Hebamme, entschied sich nach mehr als 20 Berufsjahren für ein Studium der Pflegewissenschaft und ist seit Januar 2023 die erste Professorin für Hebammenwissenschaft an der Universität Münster.
Rainhild Schäfers gibt eine besondere Kombination aus über 20 Jahren als Hebamme und 20 Jahren Forschungserfahrung an ihre Studierenden weiter.
© Uni MS - Nike Gais

Empfinden Sie die Akademisierung des Hebammenberufs als Meilenstein?
Die Akademisierung ist ein später Schritt, aber ein wichtiger in die richtige Richtung für den Hebammenberuf. In Münster sind wir in die Medizinische Fakultät eingegliedert. Das ist ein großer Vorteil, denn so profitieren beide Seiten von Synergieeffekten.

Welche Botschaft ist Ihnen wichtig?
In unserem Beruf geht es in erster Linie um Frauengesundheit, das Baby ist süßes Beiwerk! Es ist bedauerlich, wenn man den Erfolg einer Geburt nur an einem rosigen Neugeborenen misst und dabei die Frau vergisst. Darauf reagiere ich allergisch.

Wieso?
Weil viele Mütter nach der Geburt unter körperlichen und seelischen Beschwerden leiden. Der Ausspruch „Mutter und Kind wohlauf“ greift mir zu kurz.

Sie arbeiteten in Krankenhäusern und freiberuflich mit Familien. Warum zog es Sie dann an die Hochschule?
Mir missfiel, dass ich in meiner praktischen Arbeit oft sagen musste „Ich habe das Gefühl, dass …“ Ich wollte mit Bestimmtheit sagen können: „Ich weiß.“ Deswegen war das Studium die logische Konsequenz.

Was heute Gesetz ist, haben Sie auf eigene Faust gemacht: eine akademisch fundierte Ausbildung. War Ihnen die Notwendigkeit damals schon bewusst?
Ich verstand durch das Studium, wie wichtig es ist, über den Tellerrand zu schauen. Das wissenschaftliche Arbeiten eröffnete mir eine neue Welt: Ich konnte Studien lesen, in Datenbanken recherchieren und vergleichen, wie Dinge im Ausland laufen.

Sie sprechen leidenschaftlich über Ihren Beruf. Wollten Sie schon immer Hebamme werden?
Nein. Als ich 16 Jahre alt war, sagte meine Mutter: „Hebamme, das wär‘ doch was für dich.“ Mit diesem Satz schlug sie einen Pfahl ein. Sonst wäre ich wohl Schreinerin geworden.

Nicht gerade ähnliche Berufe ...
Auf den ersten Blick nicht. Aber in beiden Berufen sieht man etwas wachsen, das man am Ende bildlich gesprochen aus der Taufe hebt.

Wenn Sie an diese Momente denken: Vermissen Sie die praktische Arbeit als Hebamme?
Ja und nein. Den Umgang mit den Frauen vermisse ich. Dieses Vertrauensverhältnis, das im besten Fall dazu führt, dass ich die Frau ermächtige, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen – ein sehr befriedigendes Gefühl. Denn aus meiner Sicht läuft eine Geburt gut, wenn ich das Gefühl habe, dass ich störe.

Und was fehlt Ihnen nicht?
Die Fremdbestimmung. Als Begleitbeleghebamme hatte ich an sieben Tagen jeweils 24 Stunden Rufbereitschaft. Ich musste alles darauf abstellen: essen, wenn ich keinen Hunger hatte, mich nicht zu weit vom Haus entfernen, mir dreimal überlegen, ob ich abends ein Bier trinke. Zu viele Menschen hatten Eingriff in mein Leben. Ich konnte jederzeit aus jeder noch so privaten Situation gerissen werden. Meine Standardantwort, wenn meine Kinder mich fragten, ob ich Zeit für etwas hätte, war: „Wenn ich dann keine Geburt habe ...“ Ich hatte das Gefühl, dass ich mit meinem Rhythmus viele Menschen verletze.

Sie haben es also nie bereut, den akademischen Weg eingeschlagen zu haben?
Im Gegenteil: Heute habe ich das Privileg, auf 21 Jahre als Hebamme und auf fast 20 Jahre Forschungserfahrung zurückblicken zu dürfen. Diese Kombination an heutige Studierende weiterzugeben, ist ein großes Geschenk. Es erfüllt mich zu sehen, wie junge Menschen in den Beruf der Hebamme und Forscherin hineinwachsen.

Wie setzen Sie Ihre Erfahrung ein?
Unsere Arbeit wird oft verklärt. Für die Studierenden ist es wichtig, einen klaren Blick auf das zu bekommen, was sie erwartet. Oft hören wir: In keinem Beruf erlebt man so viele Freudentränen. Das mag stimmen, aber das kann auch überfordern. Unser Beruf ist sehr emotional und hinterlässt bei uns manchmal das Gefühl, dass wir unersetzlich seien. Dieser immense Druck kann im schlimmsten Fall zu einem Burn-out führen.

Waren Sie jemals in dieser Situation?
Ich war mehrfach an der Grenze. Aber die Belastung habe ich erst im Nachhinein gespürt. Unlängst klingelte in der S-Bahn ein Handy mit dem Klingelton, den ich während meiner Rufbereitschaft hatte. Ich bin sofort zusammengezuckt. So tief sitzt das auch nach so langer Zeit noch.

Hanna Dieckmann


Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im Februar 2024.

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